Backstage Finale 2025

Bühne mit feiernden Menschen davor
Foto: Foto: Malzkorn

Positives STRESS-Level

Das Finale ist vorbei, die Stimmen gezählt, die Gewinner gekürt. Die Angestellten des „Gloria“, des vielleicht schönsten Live-Clubs der Stadt, kehren die letzten Reste von Publikum und Teilnehmenden des 2025er-Jahrgangs von EUER SONG FÜR KÖLN nach draußen. In einer dunklen Seitenstraße läuft uns, ganz allein, Max über den Weg. Er ist einer der beiden Sänger von STRESS – der Band, die den Wettbewerb unter insgesamt 85 Teilnehmenden, davon neun im Finale, gerade mit dem Stück „Kölle am Meer“ auf dem ersten Platz beendet hat. Er hat also vor wenigen Augenblicken den wohl größten Erfolg der seit 2018 währenden Bandgeschichte erlebt.


Herzlichen Glückwunsch! Hast Du damit gerechnet?
Nicht so wirklich. Die Top 3 hab‘ ich vielleicht für möglich gehalten.
Und jetzt? Geht Ihr noch ordentlich feiern?
Ja, ein bisschen. Die anderen von der Band sind schon weg. Ich geh‘ zu einem Kumpel, der feiert rein.


Schon bei den Vorbereitungen zum Wettbewerb, beim Video- und Fototermin, waren STRESS als außerordentlich unprätentiös aufgefallen. Sie stellten sich zwar brav den Kameramenschen und Fragestellern, aber doch mit sichtlichem Unwohlsein. Immerhin: Im Punk- und Indie-Pop-Bereich, dem man die Musik des Quintetts wohl guten Gewissens zuordnen darf, hat solch introvertiertes Verhalten Tradition. Hauptsache, auf der Bühne geht‘s ordentlich ab, und da ließen Max und seine Kollegen im „Gloria“ alle Zurückhaltung fahren. Passend zum Song hatten die fünf eigenes Dekomaterial mitgebracht: Wasserbälle, aufblasbare Gummipalmen und ein Schlauchboot, das in bester Deichkind-Manier nicht nur herumstand, sondern auch zum Einsatz kam. Max selbst saß drin und schwamm, getragen von zahllosen hocherhobenen Händen, über die Häupter des Publikums hinweg.


STRESS schlossen nicht nur ihre Wettbewerbsteilnahme als Erste ab, sie waren auch im Finale als Erste dran. Und füllten den Saal so direkt mit einer Energie, die Künstler und Publikum durch die gesamte Show trug.


BARNABAS mit Startnummer zwei profitierten unmittelbar davon, hielten mit ihrem fröhlichen Ohrwurm „Lass uns tanzen gehen“ – erstmals mit A-Capella-Part – aber problemlos das Stimmungslevel hoch. Der Lohn: Platz Nummer drei. „Es hat so einen Spaß gemacht!“ sagte Sängerin Katharina Iwan im Anschluss. „Ich will nochmal!“

Bosse: „Wir haben abgemacht, dass wir nicht für uns selbst abstimmen.“


Ohne LAUT ABER SCHIEF hätten STRESS womöglich gar nicht derart knallbunt performen können. Denn zu Beginn der Finales zeigten sich die Auswirkungen des gleichzeitig in Müngersdorf anberaumten DFB-Pokalspiels zwischen dem 1. FC Köln und Bayern München. Rund 150 Ticketkäufer waren angesichts des hohen Verkehrsaufkommens in der Stadt nicht pünktlich vor Ort. Und somit womöglich nicht genügend helfende Hände vor der Bühne, um einen Sänger im Schlauchboot durch die Halle surfen zu lassen.


Wie gut, dass sich unter den Finalisten auch ein Männerchor aus Marialind fand: LAUT ABER SCHIEF. Die 62 anwesenden Sängerknaben erklärten sich kurzerhand bereit, Maxens große Überfahrt zu gewährleisten. Ob sie deshalb am Ende auf Platz zwei landeten?
Stimmen aus Dankbarkeit hatten die Mannen um Bosse, den Vorsitzenden des Chor-eigenen Trägervereins, allerdings mit Sicherheit nicht nötig. Mit Startnummer sechs und ihrem Wettbewerbsbeitrag „Noh Kölle jonn“ pushten die Sänger das Energienivau im Saal nochmal mindestens auf STRESS-Level. Dass es angesichts der schieren Mitgliederzahl nicht automatisch Platz eins wurde, lag sicherlich auch an der höflichen Zurückhaltung des Chorpersonals im Sinne der Wettbewerbsgerechtigkeit. Bosse: „Wir haben ausgemacht, dass wir nicht für uns selbst abstimmen.“

Lilli Schlag: „Ich bin nicht traurig!“


Der 2025er-Jahrgang des von der GAG seit 2013 im 2-Jahresrhythmus ausgerichteten Songcontests hinterließ einen rundum runden Eindruck, sowohl vor als auch hinter der Bühne. Jene, die es nicht auf die vorderen Plätze geschafft hatten, nahmen‘s sportlich. 


„Ich bin jetzt einfach erleichtert“, meinte Sänger und Kazzoo-Spieler Micha Krabbe von den Stammheimer Riff-Rockern KARNEVALLICA nach dem Auftritt mit „Nur noch ene Daach“. „Ich war vorher schon extrem angespannt.“


„Wir haben von diesem Wettbewerb soviel an Promo und Erfahrung mitgenommen“, sagte Gero Kuntermann, Frontmann der Rheinisch-Folk-Band HALVLANG, die die in tiefstem Kölsch gesungenen Köln-kritische Schunkelnummer „Stadt am Engk“ präsentierte. „Das hat sich für uns auf jeden Fall gelohnt.“


„Ich bin schon ein bisschen enttäuscht“, gab Sänger Thomekk von WAS AUCH IMMER zu, und durfte es auch sein. Schließlich hatte das Trio mit dem luftigen Popsong „Flitterwochen in Kölle“ sogar für „Zugabe“-Rufe im Publikum gesorgt. „Vom langen Ende her gesehen aber war‘s eine super Sache für uns.“


Auch Lilli Schlag, das erst 18 Jahre alte Küken im Finale, mochte partout „nicht traurig“ sein. „Ich freue mich einfach, diesen Moment auf der Bühne gehabt zu haben.“ Für den Auftritt im „Gloria“ hatte sie eigens einen Chor zusammengestellt, der ihren Songtitel sowohl stimmlich als auch anschaulich repräsentierte: „Kölle ist bunt“.

Cassy Carrington: „Hallo, ihr süßen Mäuse!“

 

Man sollte meinen, die leiseren Stücke hätten es angesichts der vielen schnellen, Energie-geladenen Rock-  und Pop-Nummern im Finale besonders schwer gehabt. Doch die Organisatoren hatten die Auftrittsreihenfolge so ausgewogen komponiert, dass kein Spannungsabfall im Publikum erkennbar war - im Gegenteil.
Cassy Carrington, die erste Dragqueen im Finale von EUER SONG FÜR KÖLN, grüßte mit „Hallo, ihr süßen Mäuse“ und hatte damit das Publikum sofort auf ihrer Seite. Ihre Power-Ballade „Ich bring mich nach Hause“ ist ein dickes Dankeschön an die Stadt, in der sie zu sich und einem Lebensstil gefunden hat, den sie wirklich leben will: Köln.


Ein weiterer klassischer Lovesong setzte im Finale einen ruhigen, bewegenden Schlusspunkt, der einige im Publikum sogar zu Tränen rührte – und das von einem Berliner! Zwei Herzen schlagen, ach, in Pivot Deinerts Brust – das eine für die Bundeshauptstadt, das andere für die Stadt am Rhein. „Es ist so toll, was ihr hier für eine Kultur habt“, sagte er, bevor sein Pianist Marc Rhodes für „Zwei Lebens“ in die Tasten griff, um hinterher schon in den gerade gemachten Erinnerungen zu schwelgen: „Es war herrlich!“


Ein Satz, wie er Max und seinen Herzenspunkern von STRESS in dieser Wortwahl wohl nie über die Lippen käme. Auch wenn sie ihn inhaltlich voll und ganz teilen dürften.